Dream Guitar! - The making of[f]
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Aufregende Abenteuer bei Formentera Guitars
Na, das fing ja gut an! Gestern abend in der Fonda Pepe ein bis zwei Liter zuviel, am
Sonntag dann 15 Liter falschen Sprit getankt ... und zwar in Ekkis alten R5, den er
mir leihweise zur Verfügung gestellt hatte, um von San Fernando nach San Francisco
zu fahren. Da stand ich nun – zwar nicht in der kalifornischen Wüste, sondern vor
einer formenterensischen Tankstelle – doch das Gefühl von grenzenloser Einsamkeit
ist hier wie dort dasselbe. Vor allem, wenn man des Spanischen nicht mächtig ist.
Da blieb nur der Hilferuf: „Formentera Guitars, Ekkehard Hoffmann – bitte kommen!“
dem flügellahmen R5 in einen Kanister pumpte, während der Vergaser gleichzeitig via Trichter und Schlauch mit richtigem Benzin befüllt wurde. Not macht eben erfinderisch – ein Motto, das tatsächlich
nicht nur auf dieses sonntägliche Erlebnis an einer Insel-Tankstelle, sondern auch auf meinen Gitarrenbau-Kurs bei Formentera Guitars zutreffen sollte. Hier wie dort kann man schon einmal schnell
und unerwartet in Not geraten, und wie gut, wenn dann immer eine helfende Hand wie die von Ekki vor Ort ist.

o f f
Wir erinnern uns: Martin Off hatte mit seinem Entwurf der „Off Shark“ den G&B-Design-Wettbewerb 2006 gewonnen. Als Lohn seiner Kreativität wurde ihm die Umsetzung seiner Ideen in ein real existierendes Instrument versprochen, gebaut von einem Gitarre-&-Bass-Redakteur. Das passierte in der Gitarrenbauschule von Ekki Hoffmann in San Ferran auf der kleinen Balearen-Insel Formentera. Ob das nun ein guter erster Preis werden würde, oder eben nicht, blieb abzuwarten, denn ich zählte mich vor dem Kurs nicht gerade zu den handwerklich Hochbegabten. Ich bin zwar fit in Modifikationen und Verbesserungen – aber eine Gitarre komplett aus der Holzbohle heraus zu zaubern, das ist schon eine gänzlich andere Herausforderung als der Zusammenbau eines fendrigen Fertigbausatzes. Ich war also gespannt, als dann am Montag nach meinem oben erwähnten Sonntagsausflug das Abenteuer Gitarrenbau begann. Da ich aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage war, einen ganzen Kurs amStück durchzuziehen, musste ich meine Teilnahme in zwei Teile splitten – was im Nachhinein sehr gut war, denn so lernte ich nicht nur noch mehr Mit-Teilnehmer kennen, sondern auch das Inselleben in zwei völlig unterschiedlichen Phasen, die nicht unwesentliche Auswirkungen auf das Arbeiten in der Werkstatt von Formentera Guitarshaben sollten.
Nach dem Meet & Greet in der Fonda Pepe, der Kult-Kneipe Formenteras, strategisch günstig gleich um die Ecke gelegen, erklärt Ekki als erstes die rustikal eingerichtete Werkstatt. Nahezu alle seine Stand-Maschinen, angefangen von der großen Kreissäge bis hin zur mächtigen Standoberfräsehaben ein ehrwürdiges Alter auf dem Buckel und erwarten uns Frischlinge in Ehrfurcht einflößender Stille und Würde. Sie wissen, ihnen kann nichts passieren ...
Damit uns nichts passieren kann, werden einige dieser Maschinen,wie z. B. die Kreissäge, nur von Ekki oder T-Man, seinem Assistenten im September-Kurs, benutzt. Ein interessanter Grundkurs in Sachen Holzkunde eröffnet offiziell den Lehrgang, bevor alle Teilnehmer dann ins kleine Holzlager schreiten, um sich mit Material für die nächsten drei Wochen einzudecken. Mit mir befinden sich fünf weitere Teilnehmen im September-Kurs; im Januar, in dem ich die zweite Hälfte absolvierte, waren wir insgesamt zu viert. Und es war für mich als Fachjournalist sehr interessant zu sehen, welche Modelle die Teilnehmer für sich bauen wollten, lassen sich daraus doch durchaus Trends und zeitgeistige Vorlieben erkennen: Henk, der Holländer aus der Schweiz, baute einen Les-Paul-Nachbau mit einem Mahagoni-Korpus ohne Ahorndecke; Jürgen aus dem Allgäu entschied sich für eine Gitarre im PRS-Design, Sebastian aus Mainz für eine Toro, eine PRS-ähnliche Gitarre, die Ekki entworfen hatte, und Christian aus Zürich für einen typischen Edelbass mit durchgehendem Hals.
Originell war die Idee von Jochen aus Berlin, eine Tele mit einer Firebird zu kreuzen; seine Telebird hatte allerdings einen geleimten Hals und zwei P-90-Pickups. Christoph aus Wien setzte ebenfalls auf eine Les Paul und Phillip aus Wuppertal auf einen Mosrite-ähnlichen Bass mit schwerem Esche-Korpus und einem Bubinga-Hals, während der eingeborene Juan, der sieben Monate im Jahr den Touristen mit seinem Restaurant und Hostal zur Verfügung steht, die ruhige Winterphase auf Formentera zum Bau einer Edel-Telecaster-Kopie mit Ahorndecke und zwei Humbuckern nutzt. Also – sieht man einmal von den beiden Bässen ab – waren Juans Doppelhumbucker-Tele und meine Off Shark die einzigen Gitarren, die einen Schraubhals aufzuweisen hatten und damit in Richtung Fender tendierten.

b a u
Für die Off Shark wurde das Korpus-Holz aus Deutschland eingeflogen; Kurier war kein anderer als Nik Huber, der einst seine erste Gitarre hier auf Formentera baute, dann später selbst Kurse leitet
und immer noch einige Male im Jahr die Insel besucht, um auszuspannen und Ideen zu sammeln. Khaya war das Holz unserer Wahl, denn diese afrikanische Mahagoni-Art ist sehr leicht, und
Nik hatte einige aufregend gemaserte Stücke auf Lager, die sogar so groß waren, um einen einteiligen Body daraus zu fertigen. Flugs ans Werk und die Bandsäge angeschmissen,
aber – huch – die hat ja ein Eigenleben ... und gaaanz vorsichtig wurde in respektvollem Abstand vor den aufgezeichneten Linien die Form der Shark grob ausgesägt. Die erste Woche vergeht mit dem Formen
von Korpus und Hals, das vorwiegend von Hand erfolgt. Man schluckt Staub, und sondert jede Menge Schweiß ab – vor allem im Sommer, denn hier ist es richtig heiß.
Im Laufe des Zusammenbaus werden immer wieder interessante Theorie-Einheiten eingeschoben, die auch die wissenschaftlichen Hintergründe einer Gitarrenkonstruktion kompetent beleuchten.
Außerdem werden wir immer wieder von Konstruktions-Details überrascht, die bei Formentera Guitars entwickelt wurden – und die in der Regel richtig Sinn machen. Wie z. B. der Zugang zum Halsstab, der
nicht oben am Sattel liegt – hier würde der Übergang vom Hals zur Kopfplatte geschwächt, und auch nicht am Halsende – das ist einfach zu umständlich -, sondern im oberen Teil des Griffbrettes. Der Stab endet dabei im Hals zwischen Sattel und erstem Bund, die Spannschraube sitzt auf einem selbst geschnittenen Gewinde am Stabanfang unter dem 20. oder 21. Bundzwischenraum und bekommt
Zugang über eine kleine, schnell zu lösende Platte aus Pertinax, einem Phenol-Werkstoff. Im Artikel über die Off Shark werden weitere Eigenschaften vorgestellt, die typisch für Formentera Guitars sind.
r e t t u n g
Wie wichtig ein Kursleiter ist, merkt man besonders dann, wenn etwas Unerwartetes auftritt. Beispielsweise wenn ein Teilnehmer einen Fehler macht, oder wenn das Material Fehler aufweist. Beides ist vorgekommen.
So hatte mein wunderbares Griffbrett aus Rio-Palisander mittendrin einen unschön aussehenden Einschluss, der erst nach dem ersten Schleifen aufgetaucht war. Den konnte man nur mit einem
Bunddraht verbergen, was aber eine Fixierung des Griffbretts bei allen weiteren Arbeiten wie z. B. dem Sägen der Bundschlitze erforderte. Oder als ich es doch tatsächlich fertig brachte, das Loch für die einzige
Einlage des Griffbretts dezentral zwischen den 11. und 12. Bund zu setzen ... Der Verzweiflung zuvor kam dann Ekki, der für jede der auftauchenden Unfertigkeiten eine passende Antwort parat hatte. In
meinem Fall wurde einfach statt der geplanten 8-mm-Punkteinlage eine 10 mm große angepeilt und das Loch eben neu gebohrt. Nebeneffekt: Es gab keine so großen vorgefertigten Dots, also musste man selbst einen herstellen – aus wunderbarem, grünlich schimmernden Abalone. Es gab noch schlimmere Notfall-Einsätze: Ein Teilnehmer hatte z. B. einen Bundschlitz zuviel gesägt ...
Ekki löste dieses Problem, indem er das Griffbrett wieder vom Hals löste, es auseinander schnitt und an der versägten Stelle perfekt zusammen fügte; die Operation war nicht nur gelungen, sondern optisch nicht mehr festzustellen. Was ich damit sagen will: Es gibt zwar einiges Lehrmaterial
zum Gitarrenbau – doch kein Buch und keine Lehr-DVD kann Hilfestellungen dieser Art bieten, wenn solche Notfälle auftreten!

Und es gibt 1001 Gelegenheiten, beim Bau einer Gitarre einen Fehler zu begehen ...
Meine erste Woche in Formentera endete Mitte September mit dem Sägen der Bundschlitze – dann hieß es für mich, die Koffer packen; die zweite Phase war auf den Januar 2007 terminiert, bis dahin begaben
sich der liebevoll geschliffene Body und der aufwendig gearbeitete Hals in den Winterschlaf.
g r u p p e n d y n a m i k
Ein nicht zu unterschätzendes Thema ist das Arbeiten in einer Gruppe – denn wenn man über einen Zeitraum von drei Wochen so eng miteinander und zusammen arbeitet, entstehen Bindungen, man macht
gemeinsame Erfahrungen, aber auch die Sorgen und Nöte um das Werkstück fördern den Schulterschluss.
Wie Ekki erzählt, gibt es auch manchmal Reibungen, was in meinen beiden Kursen jedoch nicht der
Fall war. Eher das Gegenteil – und da spielt natürlich das mediterrane Flair, insbesondere im Sommer und Frühherbst, eine ganz große Rolle. Man darf wohl behaupten, dass Formentera mittlerweile zu
einer Party-Insel geworden ist, die gerade im August von Tausenden von Italienern inkl. ihrer allgegenwärtigen, stinkenden und lärmenden Roller heimgesucht wird. In der Vor- und Nachsaison tummeln
sich vor allen Dingen Deutsche auf Formentera, Ex- und Möchtegern- Hippies, die zwar etwas sanfter mit der Insel umgehen, aber dennoch die Nacht zum Tag machen und keine Party auslassen.
Bue Bar, Pirata
Bus und Fonda Pepe bilden das magische Dreieck, zu dem man hinpilgern muss, wenn man Formentera wirklich kennen lernen will. Das Gros der Kursteilnehmer ist durchaus bereit, diese harte Gangart mitzumachen – und so kommt es zwangsläufig dazu, dass man nicht nur tagsüber zusammen an der Werkbank steht, sondern auch abends beim Sonnenuntergang an der Blue Bar oder nachts am Tresen der
Fonda Pepe. Das schweißt zusammen!
w i n t e r
Im Winter ist jedoch alles anders: kaum Touristen auf der Insel, kaum eine Kneipe hat auf, und wenn ja, entdeckt man auch die Einheimischen – ein einfaches Volk, das von den Entwicklungen der letzten
drei Jahrzehnte überrannt worden zu sein scheint. Für die Arbeit an unseren Gitarren erscheint die ruhigere Winter-Atmosphäre jedoch sehr förderlich, denn das Leben ist ohne die vielen
nächtlichen Sessions nicht nur weniger anstrengend, sondern es gibt auch nichts anderes, was man auf der Insel tun könnte. Mein erster Tag der zweiten Bauphase begann gleich mit einer Strafarbeit,
hatte ich doch die Bundschlitze nicht tief genug gesägt. Also nachsägen, und dann bitteschön mit sanften Gummihammer-Schlägen die Dunlop-6150-Bünden ins Griffbrett tackern – ein Kinderspiel!
Schon bald ging es ans Eingemachte – z. B. ans Fräsen von Elektronikfach, Pickup-Öffnungen und Halstasche. „Die haut was weg“, meinte Ekki zu meiner heimlichen Liebe, einer 50 Jahre alten, charmanten
Standoberfräse – und die hat in der Tat was weg gehauen ...
Was genau, verschweige ich hier und überall, denn Ekki hat auch das, was diese niedliche Oberfräse in ihrem Übermut niedergemetzelt hatte, bestens wieder hinbekommen. Eine besondere Übung war das Formen des Halsprofils, die vielleicht sensibelste Arbeit überhaupt – obwohl sie mit grobem Raspeln
beginnt. Die Formgebung ist mir recht leicht gefallen, aber die Übergänge zur Kopfplatte und zum Halsfuß gestalteten sich heikel, denn auch sie sollten fließend und symmetrisch sein.

Die Off-Gitarre bekam auf Wunsch ihres Designers ein ganz leicht angedeutetes, kräftiges V-Profil, und das hat auch gut geklappt. Noch sensibler ist die Fräsung der Halstasche in den Korpus, denn bei Formentera
Guitars läuft diese leicht konisch zu, sodass der Hals förmlich eingesaugt werden kann.
So langsam erledigten sich in der Stille des winterlichen Formentera nach und nach diese groben Arbeiten, und es ging nun an die vielen Details, die die zweiten anderthalb Wochen des Kurses füllen sollten.
Und zwischendurch immer wieder kompetente Theorie-Stunden: über Oktavreinheit, über Pickups, über Setup-Techniken ... Nicht nur der Anfänger, sondern auch der Profi erfährt eine ganze Menge Interessantes
rund um den Bau und den Gebrauch einer E-Gitarre. Und da ist Ekki Hoffmann ganz der Praktiker und Musiker – Design- Details müssen sich bei ihm der Funktion unterordnen, und
mehr als einmal brummelte er unwirsch „Designer...“ in seinen Dreitagebart, wenn wir Hand an die Off Shark legten. Die Chickenhead-Potiknöpfe sind für ihn unpraktisch, der Verzicht
auf den Tonregler Unsinn, die Verwendung der „no gear“- Mechanik-Knöpfe Schnickschnack und der Lipstick in der Halsposition eine klassische Fehlbesetzung.
Doch Design ist Design – und natürlich ordnet sich Hoffmann da gerne dem Auftrag des Kunden unter. Wobei wir Martin Off von vornherein von einigen Änderungen seines ursprünglichen
Plans überzeugen und per Email mitten aus der Bauphase heraus immer wieder weitere
Details abklären mussten. So langsam entwickelte sich eine fast schon feierliche Stimmung in der
Werkstatt, denn Arbeiten wie das Sattelfeilen, das Schleifen von Korpus und Hals und die Vorbereitung
auf die Ölung deuteten an, dass das Ende in Sicht und die Gitarre bald eine selbige ist. Nach einem
anstrengenden Mittwoch erfolgte dann nachts um 1 Uhr die erste Ölung, nicht ohne am Nachmittag die
Bodies im Mittelmeer ausgiebig gewässert zu haben – angeblich die Vorraussetzung
für den typischen Sound der bei Formentera Guitars gebauten Instrumente!
Wenn mir eines von der Teilnahme an diesem Kurs im Sinn geblieben ist, dann
ist das
der Geruch dieses mit etwas Orangen-Aroma versetzten Leinöls und das Gefühl, mit der Hand über den fein geschliffenen und dann eingeölten und sanft polierten Korpus zu streichen.Am nächsten Tag wurde dann der Pickup gewickelt – ich brauchte nur den P-90 für die Steg-Position herzustellen, denn der Lipstick war dazu gekauft worden. Dann gab es noch ein leckeres Wachsbad für den
frisch Gewickelten, damit er nicht so schreit. Die Schaltung war schnell aufgezeichnet, wobei Ekki eine vierte Stellung – die serielle Verkabelung von Hals- und Steg-Pickup – empfahl und wir sie in die Tat
umsetzten, nachdem von Martin Off das OK kam. Die innige Vereinigung von Hals und Korpus, wurde am Freitag zelebriert, und es war in der Tat ein wunderbares Gefühl, anschließend tatsächlich ein richtig
gut spielbares Instrument in der Hand zu halten, das auch noch dem alten Blues Deville sagenhafte Sounds zu entlocken in der Lage war. Die Teilnahme an diesem Kurs hat selbst mir, der sich schon jahrelang
mit dem Thema E-Gitarren beschäftigt, sehr viel gebracht. In der Theorie konnte ich dazulernen, in der Praxis erst Recht – und ich kann jedem empfehlen, der sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen
will, einen solchen Kurs in Formentera zu besuchen. Natürlich konnte und wollte ich nicht in diesem Artikel in allen Detailsa uf den Bau der Off Shark eingehen; wer dazu jedoch spezielle Fragen hat oder mehr zu Formentera im allgemeinen und Formentera Guitars im besonderen wissen will, kann mich gerne kontaktieren,z. B. unter der Email-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. oder per Brief/Fax
an die Redaktionsadresse. Die Internet-Seite www.formenteraguitars.de gibt zudem Infos zu aktuellen Kursterminen, Preisen etc. Und sollte sich jemand zu solch einem Kurs entschließen, gebe ich
ihm nur einen Tipp: Baue niemals eine Gitarre für eine andere Person!
Denn es tut schon ein bisschen weh, diese kleine Gitarre, in der drei Wochen meines Lebens stecken, nun so einfach abzugeben. Aber – so war der Deal, und das ist in Ordnung! Und mal sehen: Vielleicht sieht
man sich ja wieder, auf ein neues Gitarrenbau-Abenteuer in Formentera? ■