Insiderstory- Formentera mit Harry in fünf Kapiteln

Kapitel 3.

War das Hippie-Leben? Um 9:30 sprang Andreas aus dem Bett und versprach, ein Maßband aus der Firma mitzubringen. Das Bemerkenswerte daran war, das wir daran nichts bemerkten. Wir waren im Urlaub und redeten von Arbeit, ohne daß es uns auffiel.Bis zu dem Tag an dem die Schleifarbeiten begannen. Viele Stunden von morgens bis abends eine Gitarre zu bauen, zu rechnen, auszumessen, zu sägen, hobeln und zusammenzuleimen, das verkraftet der Mensch offenbar, schleifen nicht. Schleifen muß so sein wie Fußmatten flechten im Knast. Andreas bekam davon Schweißtropfen-Armeen am ganzen Körper und wir hatten Auseinandersetzungen, die wir sonst nie hatten. So z.B. die erwähnte Sache mit dem Maßband. Sie begann nachts um vier mit der an sich harmlosen Frage, wie groß unser Hotelzimmer wohl sei. Ich wollte mich einfach nur mal ungezwungen unterhalten -tagsüber sahen wir uns ja so selten- und warf locker ein paar Zahlen in den Raum: 8, 10, 12 Quadratmeter? Heute weiß ich, daß man einem Gitarrenbauer in der Schleifphase tunlichts nicht in Zahlen anreden sollte, da die Stärken von Schleifpapier durchnummeriert sind, und jede Zahl in diesem Arbeitsstadium eine hysterische Attacke
nachsichziehen kann. Damals wußte ich das noch nicht. Ich war nur unangenehm berührt, Andreas reagierte über, ich war sicher. Auf das Zimmergrößen-Stichwort hin, stieß er sich nämlich heftig aus dem Bett ab und sprang von der Matratze direkt auf den Schrank zu, riß dann die rechte Tür auf erfaßte mit einem Blick den innen angebrachten Aufkleber mit den Ausmaßen und stieß: 1.80 hervor. Das meinte die Höhe der Tür. Im selben Moment hatte er unsere eine Strandmatte gepackt, rollte sie an der Tür ab und stieß nochmals 1:80 hervor. Mit der so abgemessenen Matte begann er nackt und auf allen Vieren an den Fußleisten entlangzukriechen und das Zimmer zu vermessen. Das Ergebnis habe ich vergessen, obwohl er sicher nicht versäumt hatte es mir mitzuteilen, der ganze Vorgang schien mir irgendwie nicht richtig. Mit Henning gab es auch einen dieser Zwischenfälle, nicht mit 1:80 aber mit 12. "Ich komme morgen erst um 12" waren seine letzten bösen Worte bevor er den fast fertigen Baß wegstieß und entschlossen
die Werkstatt Richtung Ausgang durchquerte. Ecki machte noch einen ziemlich guten Witz über die Touristengewerkschaft, der bei Henning überhaupt nicht mehr ankam. Ich glaube daß war bei Schmirgelpapierstärke 50 und vor 240 war.Lehrer Ekkehard nicht zufrieden und selbst Ronnys vergeistigtes Insichhineinlächeln wirkte porös.Ronny hatte die Grenze zwischen seinem und dem Arbeitsbereich von Andreas mit einem Klebestreifen versehen:
"You touch it, you die" stand darauf.
Nur hatte man bei Ronny immer das Gefühl, es stünde hinter allen noch ein: "das ist nicht wirklich so gemeint". Auch als die Seitentür vom Bus rausbrach und Ronny mit dem Griff in der Hand dasaß und sich freute, war ich mir sicher, das ist so nicht passiert, nicht wirklich. Vielleicht war es diese leicht entrückende Aura, die Ekkehard beim Anblick seiner demoliertenKarosse nur leicht irritiert mit den Wimpern klimpern ließ. "Das ist nicht passiert, nicht wirklich", schien dieser Blick zu sagen. Vielleicht verbot ihm aber nur sein Blau-Helm-Gemüt, Zwietracht zu sähen. Wie unersetzlich das war, zeigte der einzige Anflug einer Gruppenkrise während dieser drei Urlaubswochen, der uns natürlich ohne Ekkehard ereilte ich mochte diese Episode die "Strandbar-Krise" nennen.
Auch sie fiel in die Schmirgelzeit

Kapitel 4