
Toro - Formentera Guitars
Es wäre nicht das erste Mal, dass Sonne, Strand und Meer Menschen zu hervorragenden Saiteninstrumenten
inspirierten. Denken wir nur an Kalifornien und die Gitarren, die bisher aus diesem Landstrich zu uns kamen.
Formentera liegt im Vergleich zu Kalifornien um die Ecke,hat ebenfalls reichlich Sonne, Strand und Meer
zu bieten und darf seit einigen Jahren auch mit guten Gitarren assoziiert werden.
Denn hier bauen die Teilnehmer der bekannten Gitarrenbau-Kurse von Formentera Guitars
unter fachlicher Anleitung ihre Traum-Instrumente selbst.
Übersicht Fabrikat: Formentera Guitars
Modell: Toro
Herkunftsland: Deutschland/Spanien
Typ: Solidbody E-Gitarre
Mensur: 647 mm
Hals: Riegelahorn, verleimt Ebenholz-Griffbrett
mit Einfassung, 22 Medium-Bünde
Halsform: C, oval
Halsbreite: Sattel 44,50 mm XII. 52,00 mm
Halsdicke: I. 21,00 mm; V. 22,00 mm XII. 24,00 mm
Korpus: Sumpfesche, zweiteilig mit zwei Hohlkammern,
aufgeleimte konturierte Decke aus Wenge
Oberflächen: Natur, matt lackiert
Tonabnehmer:
3 x Formentera Single-coil-Pickups in Strat-Form,
staggered; L.R. Piezo-Pickup
Bedienfeld: 1x Fünfweg-Schalter, 1x Volume,
1x Tone (PushPull), 1x Überblendregler,
Trim-Potis an Shadow-Preamp für Piezo-Pickup
Steg/Vibratosystem: L.R. Baggs Power Bridge, Einteiler Hardware: Chrom
Mechaniken: Kluson Roundbacks gekapselt, 15:1
Saitenlage: E-1 1,6 mm; E-6 1,7 mm
Sonstiges: Nicht käuflich zu erwerben,
Gitarre kann in Kursen nachgebaut werden.
Gewicht: 2,65 kg
Getestet mit: Fender Pro Reverb Reussenzehn
Reu-o-Grande-Top plus Box
Linkshand-Version: Ja
Preis: ca. € 1895 € 1600 Basis-Preis,
mit€ 50 Aufpreis für die Decke, € 15 fürs Ebenholz-Griffbrett,
€ 200 für die L.R.-Baggs-Brücke und€ 30 für den Shadow Preamp/EQ
Um zu demonstrieren, was in solch einem Gitarrenbau-Kurs möglich, hat Ekkehard Hoffman,
der Formetera Guitars zurzeit betreibt,uns das Modell Toro geschickt.
Die Toro ist Hoffmanns eigenes Design, aber gleichzeitig das Modell,
das in den letzten drei Jahre das meistgebaute in den Kursen gewesen war.
konstruktion
Toro, zu Deutsch „Stier", ist ein treffender Name, denn der Korpus der Gitarre verfügt in der Tat
über zwei spitze Hörner, die ein wenig von der ansonsten recht PRS-ähnlichen Konstruktion ablenken.
In die aus zwei Teilen Sumpfesche bestehende Basis des Korpus wurden zwei große Hohlkammern
gefräst, die optisch allerdings nicht auffallen.Im Gegenteil, eine wild gemaserte und bookmatched
verleimte Decke aus Wenge verdeckt die beide Kammern. Diese Decke ist sehr schön konturiert,
und die Erhebung ihres Mittelteils setzt sich bis in die Spitzen der Korpushörner fort. Das schmeichelt
nicht nur dem Auge, sondern auch der Hand, wenn sie die Decke streichelt, die genau wie der
Rest der Gitarre matt lackiert ist.
In einem recht flachen Winkel wurde der Ahornhals in den Korpus geleimt, und der Hals/Korpus-Übergang
findet am 19. Bund statt, so dass man ohne große Anstrengung auch den obersten
der 22 Bünde erreichen und bespielen kann. Im Ebenholz-Griffbrett, in dem nette Stierkopfeinlagen
am 12. Bund noch einmal an die Herkunft und den Namen dieser Gitarre erinnern,
befindet sich im 20. Bund ein durch eine versenkt angebrachte Imbus-Schraube
fixiertes Holzblättchen, dass den Zugang zum Halseinstellstab darstellt. So bleibt die an sich schon
bruchgefährdete Stelle am Hals/Kopf-platten-Übergang davon verschont, was durchaus sinnvoll ist.
Auf der leicht nach hinten gewinkelten Kopfplatte sind die Kluson-Mechaniken symmetrisch
in 3:3-Konfigurationangeordnet, ganz oben prangt stolz ein aufwändiges Firmen-Abzeichen aus Silber
mit der Silhouette von Formentera. Mal was anderes als ein schnöder Aufkleber!
Die Saitenschwingungen werden von drei Singlecoil-Pickups eigener Herstellung sowie einem
Piezo-Pickup für akustische Sounds abgenommen. Hierzu ist die komplette L.R.-Baggs-Power-Bidge
installiert worden.Mit einem Fünfweg-Schalter lassen sich die drei Singlecoils
wie bei einer Fender Stratocaster schalten. Und mehr:
Bei hoch gezogenem Master-Ton-Poti wird der Hals-Pickup dem gerade eingestellten PU in Serie
hinzu geschaltet. D. h. in der Mittelstellung des Fünfweg-Schalters
ergibt sich die Kombination Hals-plus Mittel-Pickup seriell, in der fünften Position
Steg- plus Hals-Tonabnehmer seriell.
Somit bietet diese einfach zu handhabende Schaltung sieben verschiedene Sounds,die allesamt noch
mit dem Piezo-Pickup kombiniert werden können, der über den dritten Drehregler
stufenlos zugemischt werden kann. Über den Master-Volumenregler wird das komplette Signal
dann mit dem Mono-Ausgang (Klinkenbuchse) verbunden.
Zur Feinabstimmung des Piezo-Signals befinden sich im Elektronikfach
ein Vorverstärker und ein Fünfband-Equalizer von Shadow, der über Trimm-Regler eingestellt wird.
praxis
Das satte Halsprofil fällt wie von selbst in die Greifhand und die Toro lässt sich trotz der langen
(Fender-)Mensur butterweich wie eine Gitarre mit kürzerer Mensur bespielen.
Alle Bauteile sind in ihren Proportionen stimmig und sitzen am rechten Platz, so dass sich die Toro,
egal ob sitzend oder stehend, hoch, mittel oder tief am Gurt gespielt, gleichermaßen gut und vertraut
anfühlt. Einzig allein die auf einer Seite des Griffbretts recht scharfkantigen Bundstäbchen hätten noch
einer Abrichtung bedurft. Dies ist eine richtig interessante Gitarre, schießt es mir durch den Kopf,
als die ersten Toro-Töne auf meine Analyse warten!
Denn schon der Trocken-Sound überrascht:
Auf der einen Seite klingt die Gitarre sehr spritzig, dynamisch und brillant, auf der anderen Seite
kann sie mit einem langen, ebenmäßigen Sustain aufwarten, jede Nuance des Anschlags
wird detailliert und spielfreudig wiedergegeben, und gleichzeitig bemüht sich die Toro, bei jedem Ton
nach Leibeskräften zu singen! Das macht Lust auf den Amp - Betrieb!
In klaren Sound-Gefilden lassen sich perlende, brillante und dynamisch-transparente
Strat-ähnliche Sounds aus der Gitarre heraus holen, die nicht nur für sich alleine gesehen sehr gesund
klingen, sondern auch ihre eindeutige Strat-Herkunft nicht verleugnen.
Dank des umgekehrt gewickelten und gepolten Mittel-Pickups sind die Zwischenpositionen
absolut brummfrei. Durch ihre speziellen Konstruktionsmerkmale wie den eingeleimten Hals,
die feste Brücke und die Korpuskonstruktion mit separater Hartholz-Decke,
liefert die Gitarre neben den Ver-wandschaften zu Fender-Klängen aber auch eine derart feste
und solide Sound-Basis,dass auch Klänge ermöglicht werden, die an eine Les Paul erinnern;
insbesondere dann, wenn zwei Pickups in Serie geschaltet sind, was durch
das Herausziehen des Klangreglers geschieht. Dann werden die Höhen zurückgenommen und
im Bass- und Mittenbereich aufgefüllt. Resultat ist ein Humbucker-ähnlicher, voller Klang, der natürlich
auch ohne Brumm auskommt. Insbesondere die Kombination Hals- plus Steg-Pickup
ermöglicht einen sahnigen, verzerrt am besten kommenden Lead-Sound,
bei dem das prächtige Sustain der Gitarre und die voll tönende und ebenmäßige Klangentfaltung
zum Schwelgen einladen. Mit sensiblem Finger-Vibrato lassen sich Töne „öffnen", es entstehen wie
z. B. bei einer guten Semiakustik-Gitarre filterartige Tonmodulationen,
die die Gitarre zum sensiblen Sprechorgan ihres Spielers werden lassen. Hier machen sich also die
Resonanzkammern des Korpus deutlich bemerkbar. Und das Spielen macht Spaß! Doch das ist längst
nicht alles, denn die Toro bietet ja auch noch akustische Sounds an - so gut dies eben mit einer
Solidbody-Gitarre möglich ist. Das LR.-Baggs-System ist sicherlich eines der bestklingende
Piezo-Systeme für E-Gitarren auf dem Markt. Und genau dies lässt sich in der Toro nachvollziehen.
Niemals aufdringlich schneidend, sondern akustisch-brillant lassen sich Klänge umsetzen,
die den zusätzlichen Live-Ein-satz einer richtigen E-Akustik-Gitarre nahezu erübrigen.
Nicht, dass sich ein Singer/Songwriter damit alleine und unbe-gleitet auf die Bühne wagen würde,
aber als Begleit-Akustik innerhalb einer Band macht die Toro mit dem L.R.-Baggs-System eine richtig
gute Figur. Misch-Sounds mit Piezo-System und Mag-net-Pickups sind mittels eines
Panorama-Regler möglich. Sie ermöglichen Experimentierfreudigen eigene, eigenartige Sounds,
die einer gewissen Faszination nicht entbehren.
Sind z. B. Hals- und Steg-Pickups seriell hintereinander tätig und wird hierzu bei einem crunchig
eingestellten Amp ein nur gering vernehmbares Pie-zo-Signal gemischt, erhält man einen individuellen,
originellen Gitarrenklang, der einem bestimmt nicht aus jeder Jukebox entgegen schallt ...
schneidig, aber nicht schrill - satt, aber nicht mulmig - fett, aber nicht lahm ...
Solche guten Misch-Sounds funktionieren nur, wenn die Abstimmung beider Pickup-Welten gelungen ist.
Und das kann der Toro in jedem Fall
attestiert werden.
r e s ü m e e
Schon viele Gitarrenbauer haben versucht, einen funktionierenden Kompromiss zwischen Les Paul
und Strat zu finden.Wenigen ist es gelungen, ganz wenigen so gut wie Ekkehard Hoffmann.
Denn im Gegensatz zu den meisten, die sich an dieses am-bivalente Unterfangen wagen, hat er
meiner Ansicht nach eins richtig gemacht: Er hat die Gitarremit Singlecoils bestückt,
was die einzige Möglichkeit darstellt, dem Sound einer richtigen Strat so nahe wie möglich zu kommen!
Die nach Humbucker klingenden Sounds werden dagegen durch
Schaltungskniffe erreicht, was wesentlich besser funktioniert als wenn per Schaltung
ein Singlecoil-Sound aus Humbuckern heraus geholt werden will.
Da diese Gitarre es schafft, das Beste aus beiden Sound-Welten zu verbinden und
zusätzlich ein Hauch Akustik-Gitarre durch das Piezo-System mitgeliefert wird,
ist die Toro von Formentera Guitars eine ungewöhnlich vielseitige Gitarre, die zudem aufgrund
ihrer soliden, gut gemachten Konstruktion und der hohen Qualität der Bauteile kein Blender ist,
sondern ein in sich stimmiges, ausgezeichnet funktionierendes professionelles Instrument.
Solch eine Gitarre - das wurde oben schon gesagt - kann nicht gekauft, sondern muss
(bzw. darf) in Formentera selbst gebaut werden, unter fachlicher Anleitung von Ekkehard Hoffmann.
Die Toro zeigt un-missverständlich, dass der Traum von der Gitarre für's Leben umgesetzt werden
kann, ohne dass viele Tausende Euro fließen müssen.
Und sie ist zudem mit dem nicht mit Geld aufzuwiegenden Bonus versehen,
diese Gitarre auch noch selbst gebaut zu haben
PLUS___________
• Sounds
• Schwingungs eigenschaften
• Sustain
• Materialien
• Design
• geringes Gewicht
• Bespielbarkeit
• Piezo-System • Schaltung
MINUS__________
• teilweise scharfkantige Bünde
• schwergängige Potis